Das war die 20. Pilztagung im Gustav-Stresemann-Institut

 

Die Zukunft der Pilztagung

Welche Messmethoden sollten in Zukunft angewandt werden, um unterschiedliche Feuchteschäden zu beproben? Hat der neue Schimmelleitfaden des Umweltbundesamts rechtsverbindlichen Charakter? Auf welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen Sachverständige achten, wenn sie Schimmelpilzschäden einschätzen? Solchen Fragen widmete sich die 20. Pilztagung in Bonn.

Der neue Schimmelleitfaden des Umweltbundesamts steht im Gelbdruck online. Noch bis zum 30. Juni können Einsprüche gegen einzelne Inhalte eingelegt werden. Dr. Kerttu Valtanen vom Umweltbundesamt stellte diejenigen Neuerungen vor, die bisher besonders diskutiert wurden. Der neue Leitfaden führt den Begriff „Schimmel“ analog zum englischen „mould“ als Überbegriff für mikrobielles Wachstum ein. Vielen, die Anmerkungen zum Leitfaden geschickt haben, ist der Begriff zu unscharf. Es wurde etwa vorgeschlagen, anstatt dessen den Begriff „mikrobielles Wachstum“ zu verwenden. Außerdem werde das Kapitel zu Actinomyceten hinsichtlich der Empfehlung wann auf die Bakterien beprobt werden soll, angepasst, erläuterte Valtanen.

 

Sachverständige brauchen Sachverstand

In der Sektion „Recht“ diskutierten Teilnehmer und Referenten die Verantwortung von Sachverständigen ausführlich. Dr. Joachim Dittrich, Oberstaatsanwalt in Rottweil schilderte einen Fall, in dem eine Frau an Legionellose verstorben war, nachdem sie ein Hotel besucht hatte. Man konnte nachweisen, dass sie sich bei ihrem Aufenthalt infiziert hatte. Die Betreiber der Anlage wurden zu teilweise hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie fahrlässig gehandelt hatten, indem sie die Wassertemperatur in den Duschen über einen langen Zeitraum zu niedrig gehalten hatten. Vor Gericht ging man davon aus, dass den Hotelbetreibern das Risiko von Berufs wegen hätte bewusst sein müssen.
Dass Entscheidungen, die aus Unwissenheit getroffen werden, auch für Sachverständige weitreichende Konsequenzen haben können, wurde in den Diskussionen deutlich, die sich an drei weitere juristische Vorträge anschlossen. Prof. Dr. Uwe Meiendresch, Vorsitzender Richter am Landgericht Aachen erläuterte auf Basis welcher Indizien Gerichte
entscheiden, wann einer Handlung Arglist unterstellt wird, Dr. jur. Mark Seibel, Vizepräsident des Landgerichts Siegen grenzte die Begriffe „allgemein anerkannte Regeln der Technik“ von den Begriffen „Stand der Technik“ und „Stand von Wissenschaft und Technik“ ab – mitunter Begriffe, die bei Fehlentscheidungen von Sachverständigen relevant sein können: Kommt es zur Anklage, muss gegebenenfalls dargelegt werden, nach welchen technischen Voraussetzungen gehandelt wurde. Svenja Behrend von der Juristischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf legte dar, nach welchen Kriterien im Strafrecht zwischen verschiedenen Formen der Fahrlässigkeit und Vorsatz unterschieden wird.
Insbesondere stand unter den Teilnehmern die Frage im Raum, ob der neue Schimmelleitfaden des Umweltbundesamts rechtsbindend angewandt werden muss. Zunächst, erläuterte Dr. Heinz-Jörn Moriske vom Umweltbundesamt, habe er Richtliniencharakter, ein striktes „Abarbeiten“ aller Vorgaben, die er beinhaltet, sei also nicht unbedingt der Sinn des Regelwerks. Allerdings sei es bei Gerichtsentscheidungen immer gut, sich auf die Anwendung eines behördlichen Leitfadens stützen zu können, warf Jurist Seibel ein.
Der neue Leitfaden beinhaltet aber auch Teile, die heute noch nicht als „Stand der Technik“  bezeichnet werden können.
„Allgemein anerkannte Regeln der Technik“ sind solche, die der vorherrschenden Meinung der technischen Fachleute entsprechen und in der Praxis erprobt und bewährt sind.
Als „Stand der Technik“ bezeichnet man per Definition den Entwicklungsstand fortschrittlicher Verfahren, Einrichtungen und Betriebsweisen, […], wobei der Begriff hauptsächlich in umwelt- und technikrechtliche Verordnungen verwendet wird.
Der Schimmelleitfaden kann, das zeigte sich in der Diskussion, in Teilen als „Stand der Technik“ bezeichnet werden, insofern die Inhalte schon erprobt und als geeignet befunden wurden. Manche seiner Vorgaben könnten in Zukunft zum „Stand der Technik“ werden, sind aber aktuell eher als „Stand der Wissenschaft und Technik“ zu bezeichnen.
Einig waren sich die Juristen allerdings darüber, dass, auch wenn nach einschlägigen Regelwerken, nach dem „Stand der Technik“ oder einer „allgemein anerkannten Regel der Technik“ gehandelt wird, jeder Sachverständige eine Sorgfaltspflicht hat. Das bedeutet, dass Vorgaben oder technische Details stets auch logisch hinterfragt und auf ihre Aktualität geprüft werden sollten.  Im Zweifelsfall sollten Sachverständige ihre Grenzen kennen, denn auch mangelnder Sachverstand könne eine Rechtsverletzung darstellen, erläuterte Dr. Christian Rolfs vom Institut für Versicherungsrecht der Universität zu Köln. Kenne man sich auf einem Gebiet nicht aus, sei es immer ratsam andere Fachleute hinzuzuziehen.

 

Schimmelschäden sind dynamisch

Schimmelschäden unterliegen ständigen Veränderungen. Wie sich verschiedene Organismen in einem Feuchteschaden abhängig von seinem Wassergehalt und der Dauer seines Bestehens entwickeln, zeigte Dr. Christoph Trautmann von der Umweltmykologie in Berlin. Es komme vor, dass in Feuchteschäden keine Schimmelpilze gefunden werden, und Gutachter dann eine gesundheitliche Gefährdung ausschlössen. Das liege daran, dass sich andere, besser an das Ökosystem Wand angepasste Organismen in der Regel früher in den feuchten Bereichen ansiedeln. Auch später verdrängen Organismen wie Actinomyceten vorhandenen Schimmelpilze, immer anhängig davon, wie sich die Feuchte im Schaden verteilt und wie die Zusammensetzung an Mikroorganismen im Schaden ist.

 

Die Qualität der Innenraumluft bestimmen

Eine Messstrategie, mit der man in Dänemark die Qualität der Innenraumluft bewertet, stellte Christoph Höflich von der Byggeteknisk rȧdgivning in Sønderborg vor. Bei der Methode werden alle Flächen in einem Innenraum über einen definierten Zeitraum hinweg angeblasen, um eine maximale Staubkonzentration in der Luft zu erreichen. Daraufhin wird die enthaltene Gesamtsporenanzahl bestimmt. Indem man den gesamten Staub aufwirble, sagte Höflich, werde man der Tatsache gerecht, dass durch stärkere oder schwächere alltägliche Bewegungen im Raum mehr oder weniger Staub in die Luft gelänge, um Vergleichbarkeit zu schaffen.  Referenzmessungen, etwa in der Außenluft, werden für diese Methode nicht durchgeführt. Auch in der Außenluft schwankten die Sporenkonzentrationen so stark, dass diese keine verlässlichen Werte lieferten. Die Methode ist allerdings nicht geeignet eine differenzierte Analyse, etwa zum Auffinden eines verdeckten Schadens durchzuführen, wie sich in der anschließenden Diskussion herausstellte. Hier ginge es lediglich um die Bestimmung der Innenraumluftqualität, sagte Höflich. Angewandt wird die Methode zum Beispiel in Kindergärten oder medizinischen Einrichtungen. Diskutiert wurde auch, dass anhand der Methode keine Artenbestimmung vorgenommen werden kann.

 

Wie misst man in Zukunft?

Eine umfangreiche Untersuchung zu verschiedenen Analysemethoden stellte Dr. Wolfgang Lorenz vom Institut für Innenraumdiagnostik in Düsseldorf vor. In Zusammenarbeit mit Christoph Trautmann waren die Kinderzimmer in 26 Wohnungen mit verschiedenen Beprobungsstrategien untersucht worden: Analyse der Gesamtsporen, Toxinanalyse, Analyse der MVOC, molekularbiologische Untersuchung der Schimmelpilze im Staub. Es wurden jeweils Referenzmessungen der Außenluft vorgenommen.
Zusätzlich wurden Befragungen zu vorangegangenen Altschäden bei den Nutzern durchgeführt und die relative Luftfeuchte gemessen. Später stellte man die Ergebnisse der verschiedenen Untersuchungen einander gegenüber. In vielen Fällen ergaben sich widersprüchliche Aussagen. So gab es zum Beispiel bei einem Objekt keine auffällig hohe Gesamtsporenanzahl, während der MVOC-Gehalt der Raumluft hoch war. Die Nutzer berichteten über größere Altschäden, am Tag der Begehung war ein Schaden im Schlafzimmer sichtbar.
Aus dem Vergleich der Ergebnisse lässt sich folgern, mit welchen Messmethoden welche Arten von Schäden am besten identifizierbar sind. Insgesamt decken sich die Erkenntnisse mit den Erfahrungen, die aus der Praxis vorliegen. Auf verdeckte oder ältere Schäden können vor allem Ergebnisse aus MVOC-Messungen hinweisen. Sie zeigen auch an, ob eine Belastung mit Bakterien vorliegt. Die Bestimmung der Gesamtsporenanzahl eignet sich vor allem für die Erfassung oberflächlicher Schäden. Schäden in tieferen Schichten werden eher nicht erfasst. Hohe Luftfeuchten traten bei der Untersuchung meist in den Objekten auf, in denen andere Indikatoren für Schimmel gemessen wurden. Somit böte es sich an, eine der genannten Methoden, etwa die Messung der Gesamtsporenanzahl mit der Messung der relativen Luftfeuchte über einen längeren Zeitraum hinweg zu kombinieren, folgerte Lorenz. Außerdem solle man in dieser Richtung weitere Forschungen anstellen.
Die Pilztagung wird jährlich vom Berufsverband Deutscher Baubiologen e. V. (VDB) und dem Bundesverband Schimmelpilzsanierung in Kooperation mit dem Umweltbundesamt ausgerichtet. Der Tagungsband zur 20. Pilztagung ist beim Berufsverband Deutscher Baubiologen unter www.baubiologie.net erhältlich.
Die 21.Pilztagung findet vom 20. bis zum 21. Juni 2017 statt. Der Veranstaltungsort wird noch bekanntgegeben.
Eine Zusammenfassung der 20. Pilztagung finden Sie auch in B+B BAUEN IM BESTAND, Ausgabe 4. 2016.

 

Text mit freundlicher Genehmigung:
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
Redaktion B+B BAUEN IM BESTAND
Pauline John

 

 

 

Interessiertes und gespanntes Publikum!